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Wer daddelt, rostet

Eine aktuelle Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigt, dass viele Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren sich deutlich weniger bewegen, als für sie gesund wäre. Eine Stunde körperliche Bewegung empfiehlt die WHO pro Tag – ein Pensum, das allerdings nur jede(r) Fünfte in dem Alter erreicht. Als einen wesentlichen Faktor dafür nennt die Studie die digitale Freizeitgestaltung. Es ist also auch an uns, dafür zu sorgen, dass Bewegungsmuffel in die Puschen kommen.

Draußen ist auch nicht immer alles in Bewegung.

Handys, Tablets und Spielkonsolen sind für viele Jugendliche eine willkommene und meist auch leicht verfügbare Freizeitbeschäftigung. Chillen bei Social Media, Musik- bzw. Videostreaming und Games klingt zugleich nach Abenteuer und Entspannung. Da haben es Real-Life-Erlebnisse durchaus schwer, dagegen zu halten. Alle, die Kinder und Jugendliche dabei begleiten möchten, in unserer digitalisierten Welt gesund aufzuwachsen, stehen damit vor einigen Herausforderungen. Erfolg verspricht hier ein Mix aus Kontrolle, Begleitung und Anregungen.

Erziehungsverantwortung heißt auch Kontrolle

Wer ein Kind großzieht, trägt viel Verantwortung. Sich dieser Verantwortung zu stellen, bedeutet auch, Regeln aufzustellen und sich für deren Einhaltung einzusetzen. Beim Medienkonsum gibt es viele Aspekte, die immer wieder der elterlichen Kontrolle bedürfen. Etwa im Hinblicke auf die Inhalte, die genutzten Geräte und die Nutzungsdauer. Das beginnt bereits im Kindergartenalter.

Um das Durchsetzen Ihrer medienpädagogischen Entscheidungen zu vereinfachen, stehen Ihnen einige technische Hilfsmittel zur Verfügung, mit denen Sie etwas den Überblick über installierte Apps, Handy- und Schlafenszeiten behalten. Während spezielle Apps bzw. entsprechende Einstellungen Kindern die sichere Nutzung von (elterlichen) Tablets oder Handys ermöglichen bieten neuere Apple Betriebssysteme und Google Family Link eine Vielzahl von Möglichkeiten, die ersten eigenen Geräte altersgemäß einzurichten.

Wichtig ist, nicht an der Technik-Nadel zu hängen. Zwar erleichtern diese technischen Hilfsmittel den Medienalltag in der Familie, sie ersetzen aber keine zugewandte Begleitung und Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen des Kindes – zumal Sie davon ausgehen müssen, dass sich auch Mittel und Wege finden werden, Einschränkungen zu umgehen. Das Ziel muss daher immer sein, Kindern und Jugendlichen Selbstkontrolle zu ermöglichen. Eine fortgesetzte strikte elterliche Kontrolle erlaubt es Heranwachsenden nicht, eine eigenständige Medienkompetenz zu entwickeln.

Ende ohne Tränen

Apps wie Google Family Link arbeiten mit einem Countdown. Kurz vor dem Shutdown des Gerätes gibt es Warnhinweise. Das Ereignis kündigt sich drohend an, ist unausweichlich und fremdbestimmt. Wenn Sie schon mal versucht haben, Kinder und Jugendliche nur mit der eigenen Autorität von Bildschirmen wegzuscheuchen, haben Sie wahrscheinlich nicht selten desaströse Ergebnisse erzielt. Tränen und Beschimpfungen sind keine Seltenheit, wenn Kinder, die völlig von einem medialen Inhalt absorbiert sind, plötzlich zum Essen kommen sollen. „Nur noch fünf Minuten, nur noch das Level zu Enden spielen, nur noch das eine Video, nur noch… nur noch.“

Hier kann ein bisschen Empathie helfen. Stellen Sie sich vor, im Finale der Fußball WM wird Ihnen in der 89. Minuten der Stecker gezogen oder Sie müssen kurz vor den hoffentlich glücklichen letzten Minuten Ihrer Lieblingsserie ins echte Leben zurückkehren – ohne Wahlmöglichkeit. Die Sogwirkung von Medien hat sicher jede(r) schon selbst erfahren. Ein abruptes Ende macht uns da ohnmächtig und wütend.

Die Psychologin Isabelle Filliozat empfiehlt daher ein behutsames Vorgehen, um Kinder aus der bunten Medienwelt wieder in den Lebensalltag zurückzuholen:

Das mag auf den ersten Blick umständlich und zeitaufwändig wirken, kann aber im besten Fall viel Ärger ersparen und dem Kind helfen, auch selbst wieder Brücken zu bauen. Das sind im Zweifel gut investierte Minuten, die zeigen, dass es immer einen selbstbestimmten Ausgang aus dem Flow der Medien gibt.

Real Life pimpt Social Media

Wenn Sie Ihr Kind in Bewegung halten wollen, ist es aber nicht nur mit der Begrenzung des Medienkonsums getan. Kinder brauchen auch alternative Angebote, egal ob mit Ihnen, Freund*innen oder im Verein. Gerade in städtischen Umgebungen und bei Eltern, die unter Zeitdruck sind, werden viele Kinder durch die Gegend gefahren: im Buggy zur Kita oder im Auto zur Schule. Stress und Ängste schränken ihren Bewegungsradius von Anfang an ein. Hier ist es wichtig, ihnen auch etwas zuzutrauen. Denn wer auf allen Wegen kutschiert wird, empfindet das als selbstverständlich.

Für digital natives bilden echtes Leben und digitale Medien eine Einheit. Oft hat man das Gefühl, ein Ereignis ist erst dann echt und wirklich geschehen, wenn es medial geteilt wird. Kinder suchen in sozialen Netzwerken und bei Games Erfolgserlebnisse, Anerkennung und wollen sich als selbstwirksam erfahren – alles das kann ihnen auch das echte Leben bieten. Sie müssen nur die Gelegenheit dazu haben. So kann der Sieg beim Fußballturnier dann auch wieder gute Fotos für den Instagram-Account hergeben. Denn der Anspruch ist ja, sein echtes Leben abzulichten und zu teilen – auch wenn da in vielerlei Hinsicht ganz schön nachgebessert wird. Einige echte Erlebnisse helfen der Storyline aber trotzdem auf die Beine. Also erst erleben, dann posten – ist wesentlich gesünder.

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geschrieben von: Meike Adam

beschäftigt sich seit rund 15 Jahren beruflich mit dem Themenkomplex Medien, als Wissenschaftlerin, Webschaffende und medienpädagogische Referentin. Durch zahlreiche Elternabende, Fortbildungen für Lehrer_innen und Unterrichtseinheiten mit SuS weiß sie, wo es brennt. Mit 3 Kindern ist sie zudem alltägliche medienpädagogische Praktikerin.

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