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Google Family Link im Selbsttest

Seit Mai 2018 hat Google etwas für alle Eltern im Angebot, die sich mit der Medienerziehung ihrer Kinder mit Handybesitz abmühen: Google Family Link. Die Kombination von eigenem Kinder-Account auf dem Handy und App auf dem Gerät der Eltern verspricht die Übernahme der Kontrolle. Wir haben den Praxistest gemacht und sagen Ihnen, wo wir Family Link absolut hilfreich finden und wo Google aus unserer Sicht zu weit geht.

Gekrümmt am Handy - ab sofort nut noch mit Zeitlimit

Wer bisher seinem Kind ein Handy mit Android einrichten wollte, hatte ein Problem: das Mindestalter für einen Account bei Google liegt in Deutschland bei 16 Jahren. Da gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder das Geburtsdatum frisieren oder das Gerät des Kindes mit dem eigenen Account einrichten. Beides nicht wirklich attraktiv. Mit Family Link hat sich das geändert. Es gibt damit die Option, für Kinder unter 16 Jahren ein eigenes Konto anzulegen und dieses dann über eine App auf dem eigenen Handy zu verwalten.

Schritt für Schritt Kinder an die Hand nehmen

Wie gehen Sie also vor, wenn Sie ein Handy für Ihr Kind einrichten wollen? Zunächst können Sie in der Anmeldemaske für den Google-Account Ihr Kind mit seinem echten Alter eintragen und so ein neues Konto einrichten. Sie müssen Ihr Einverständnis dafür geben, dass die Daten Ihres Kindes erhoben und verwendet werden dürfen. Genaueres dazu finden Sie in der Datenschutzerklärung für Konten, die mit Family Link verwaltet werden (https://families.google.com/familylink/privacy/child-policy).Das eingerichtete Konto wird dann der Google-Familiengruppe hinzugefügt.

Zunächst haben Sie damit ein Konto erstellt, das in der Funktionalität nicht eingeschränkt ist. Ihr Kind kann damit Google-Dienste – also etwa Chrome, die Google-Suche, Gmail, Google Play, Hangouts und Google Assistant verwenden. Außerdem kann es auf das Internet zugreifen, E-Mails, Chatnachrichten sowie Video- und Sprachanrufe senden und empfangen, Apps, Spiele, Musik, Filme, Bücher und andere bei Google Play erhältliche Inhalte kaufen und herunterladen und In-App-Käufe tätigen sowie Inhalte wie Fotos, Videos, Audiodateien, Notizen, Präsentationen und Dokumente erstellen, ansehen, teilen und empfangen.

Der eigentliche Clou an der Elternaufsicht ist die Verwaltung durch die Family Link-App, die Sie runterladen und installieren müssen. Für das Gerät Ihres Kindes brauchen Sie die App für Kinder und Teenager, für Ihr Gerät die App für Eltern. Die Family Link App für Eltern gibt es erfreulicherweise sowohl für Android als auch für iOS. Nach der Installation und der Verknüpfung mit dem Account Ihres Kindes, stehen Ihnen etliche Funktionen zur Verfügung, um die Handynutzung des Nachwuchses im Blick zu behalten und in Bahnen zu lenken.

Tools, die wir sinnvoll finden

Das einfachste Tool überzeugt uns am meisten: Die Zeit der Eieruhren und des endlosen Feilschens um Minuten ist vorbei! Mit Family Link können Sie für jeden Wochentag die Nutzungsdauer festlegen. Wenn das Pensum aufgebraucht ist, geht nichts mehr außer telefonieren und angerufen werden. Damit sich Ihr Kind seelisch und organisatorisch auf den täglichen Shutdown vorbereiten kann, erhält es kurz vor Ablauf der Nutzungsdauer entsprechende Warnungen. Das ist unbestechlich, objektiv und absolut konsequent.

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Neben der Nutzungsdauer können Sie auch Ruhezeiten für das Handy festlegen. Wenn Sie nicht kontrollieren möchten, ob Ihr Kind heimlich unter der Bettdecke chattet, schicken Sie das Handy einfach gleich mit schlafen. Im Ernstfall haben Sie auch die Möglichkeit, das Handy adhoc zu sperren bzw. wieder freizuschalten.

Neben Nutzungszeiten und -dauer können Sie mit Family Link auch die Inhalte auf dem Handy Ihres Kindes kontrollieren. Unter dem etwas kryptisches Menüpunkt „Steuerelemente bei Google Play“ legen Sie die Kaufgenehmigungen fest. Wenn Sie „gesamter Inhalt“ auswählen, muss Ihr Kind Sie vor der Installation jeder App um Erlaubnis fragen. Wenn Sie schon mal hier sind, können Sie gleich auch noch die Inhaltsbeschränkungen im Menüpunkt darunter an das Alter Ihres Kindes anpassen. Dadurch werden im Play Store nur Inhalte mit der entsprechenden Alterfreigabe angezeigt. Empfehlenswert sind auch die Inhaltsfilter für die Google Suche und Google Chrome.

Von diesen Möglichkeiten sind wir auch im Praxistest begeistert. Nach dem Aushandeln der Handynutzungs-Regeln haben Sie mit Family Link endlich ein Mittel, deren Einhaltung sicherzustellen ohne immer wieder als Spielverderber_in auftreten zu müssen. Leider gibt es keine Option, die Nutzungsdauer zu differenzieren, also etwa bestimmte Apps für eine längere Nutzung freizugeben. Wenn die Zeit aufgebraucht ist, erreicht Sie Ihr Kind dann z.B. über WhatsApp nicht mehr.

Stalken und totale Kontrolle? – Muss nicht sein

Aber Google macht bei diesen Funktionen nicht halt und gibt Ihnen auch Kontroll-Möglichkeiten an die Hand, die aus unserer Sicht zu weit gehen: Sie können sich den aktuellen Standort Ihres Kindes anzeigen lassen und das gesamte Nutzungsverhalten auslesen. Eine Einsicht in das Nutzungsverhalten mag u.U. sinnvoll sein, um mit dem Kind darüber zu sprechen. Da Sie aber Nutzungszeiten, -dauer und die Inhalte auf dem Gerät verwalten können, sollte eine exzessive Nutzung bzw. die Nutzung von unangemessen Apps sowieso ausgeschlossen sein. Die Total-Kontrolle des Handygebrauchs ist daher aus unserer Sicht nicht nötig und ruft bei Ihrem Kind wohl eher Überwachungsgefühle hervor – zumal es ja eh schon mit einer verschärften Elternaufsicht leben muss.

Der Lokalisierung von Handys stehen wir grundsätzlich kritisch gegenüber. Sicher gibt es Ernstfälle, in denen eine Ortung tatsächlich helfen mag. Aber eine grundsätzliche Verfolgung der Bewegungen Ihres Kindes ist in der Regel weder nötig noch angemessen. In unserem Ratgeber zur Lokalisierung haben wir für Sie zusammengestellt, wie Sie die automatische Lokalisierung Ihres Kindes an den Geräten und in den Einstellungen im Account verhindern. Denn Google und Apple müssen noch viel weniger wissen, wer gerade wo ist.

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Was wir von Google Family Link halten

Die Elternaufsicht von Google kann viele Konflikte rund um die Handynutzung verhindern und entschärfen. Sie ist vor allem für Kinder geeignet, die gerade mit einem neuen Handy ihren eigenen Weg im digitalen Leben beginnen. Family Link lässt sich zwar auch nachträglich bei einem bestehenden Account einrichten, aber das dürfte in den meisten Fällen einer Herabstufung gleichkommen und sollte nur mit dem Einverständnis des Kindes oder bei akutem Handlungsbedarf geschehen.

Auch wenn Kontrolle zunächst nicht nach Freiheit klingt, erlaubt Family Link letztlich dem Kind mehr Eigenverantwortung, weil es sich in einem geschützten Rahmen bewegt. Wenn Ihr Kind 16 Jahre alt wird, kann es sein Konto dann selbst verwalten. Tatsächlich können Sie die Elternaufsicht für ein eingerichtetes Konto auch nicht früher beenden, aber Sie können natürlich die Einstellungen anpassen. Ob die Elternaufsicht beendet wird, kann Ihr Kind mit 16 auch selbst entscheiden. Dank Family Link haben Sie bis dahin aber genug Zeit, alle wesentlichen Kompetenzen für die Nutzung von Handys mit Ihrem Kind zu erarbeiten – schließlich müssen Sie sich nicht ständig über die Nutzungsdauer streiten.

Nachtrag Januar 2020

Bei uns ist Google Family Link jetzt seit rund 1,5 Jahren im Einsatz. Die erste Erkenntnis: Meine Tochter ist damit allein auf weiter Flur und fühlt sich dadurch manchmal ungerechtfertigt eingeschränkt. Zwischendurch gab es auch einige Pannen: So waren nach einem Update-Problem offensichtlich wochenlang alle Beschränkungen aufgehoben, was ich erst nach einiger Zeit bemerkt habe. Es empfiehlt sich also, öfter mal nachzuschauen, ob alle Einstellungen noch greifen. Außerdem wimmelt es im Internet von Tipps, wie die Sperren umgangen werden können.

Damit zeigt sich wieder einmal, dass rein technische Vorkehrungen und Beschränkungen nicht ausreichen, um Kinder auf ihr digitales Leben vorzubereiten. Ich möchte Google Family Link trotzdem nicht missen, weil es mir manche leidige Diskussion erspart und umgekehrt wichtige Themen in Sachen Medienkompetenz bei uns besprochen werden.

#smartphone #erziehung #familie

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geschrieben von: Meike Adam

beschäftigt sich seit rund 15 Jahren beruflich mit dem Themenkomplex Medien, als Wissenschaftlerin, Webschaffende und medienpädagogische Referentin. Durch zahlreiche Elternabende, Fortbildungen für Lehrer_innen und Unterrichtseinheiten mit SuS weiß sie, wo es brennt. Mit 3 Kindern ist sie zudem alltägliche medienpädagogische Praktikerin.

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