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Liebe Klassenchat-Eltern!

Über die WhatsApp-Klassenchats unserer Kinder ist schon viel diskutiert und geschrieben worden. Nicht selten sind die Kinder von ihrer Gruppenkommunikation in Eigenregie überfordert und nehmen üble Geschichten hier ihren Ausgang. Wie aber steht es um den Elternchat, der mittlerweile wie eine Art Wurmfortsatz an Schulklassen und Kita-Gruppen hängt? Zeit, uns auf die eigenen fleißig wischenden und tippenden Finger zu gucken. Zeit für einen offenen Brief!

Manchmal hilft auch Füße still halten - Foto von Tima Miroshnichenko von Pexels

Ebenso wie sich in nahezu jeder Schulklasse mindestens ein Chat bildet, wuchern in Kitas, Sportvereinen und Schulen auch die immerwährenden Elternabende in Form von Elternchats. Ich möchte hier zunächst allen wackeren und gut organisierten Eltern danken, die nicht müde werden, in diesen Chats Informationen über anstehende Termine und aktuelle Geschehnisse zu posten. Wenn so mancher Elternbrief in den unendlichen Tiefen von Ranzen oder Rucksack zu einem zerknitterten Stück Papier degradiert wurde oder Info-Mails in einem überfüllten Posteingang abgesunken sind, ist das oft die Rettung. Danke dafür! Ebenso möchte ich allen Eltern danken, die postwendend auf die verzweifelte Anfrage nach verlorenem oder vergessenem Schulmaterial mit Fotos antworten. Ich weiß auch das sehr zu schätzen.

Nervende Datenflut

Gute Gründe also, an diesen Chats teilzunehmen. Leider sind nicht nur unsere Kinder mit den ständig offenen Kommunikationskanälen bisweilen überfordert. Ich bin auch gekommen, um mich zu beschweren und vielleicht etwas zu verändern. Um mit den harmlosen Dingen zu beginnen: Wie viele Genesungswünsche – glaubt Ihr – brauchen Eltern, die darum gebeten haben, dass ihr krankes Kind entschuldigt wird, um 7:00 Uhr morgens? Bei der nicht selten hektischen allmorgendlichen Vorbereitung für den Aufbruch in die Schule ist ein permanent fiependes Handy nicht sehr hilfreich. So liebenswürdig die Posts auch sind, einer davon würde auch reichen. Datenenthaltsamkeit beginnt beim alltäglichen Posten.

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Das trifft auch auf Danksagungen für frische Informationen oder ähnliches zu. Zugegeben, ich kann die Gruppe oder direkt mein ganzes Handy auch stumm schalten – mein Fehler. Das würde sicher auch helfen, wenn abends zu Zeiten, in denen die Kinder friedlich im Bett liegen, noch wild im Chat gepostet wird. Habt Ihr keine Lust, Euch auch mal wenigstens für eine kurze Zeit anderen Themen zu widmen? Ich schon.

Das eigene Kind hat Vorfahrt

Aber das sind nur kleine Ärgernisse, viel schwerer wiegt all das, was im – sicher berechtigten – Interesse des eigenen Kindes geschieht. Da müssen die Interessen anderer schon mal hinten angestellt werden. Ebenso wie viele einen Elternabend als die ultimative Gelegenheit wahrnehmen, für ihr Kind in den Ring zu steigen, sind kämpfende Eltern auch im Chat keine Seltenheit. Unendliche Diskussionen über das beste Essen (am besten zu einem möglichst niedrigen Preis) sind der Klassiker. Aber findet Ihr es bei einer/einem schwer erkrankten Lehrer*in wirklich das größte Problem, dass möglicherweise Unterricht für Eure Kinder ausfallen wird?

Niemals an den Pranger stellen

Während all das sich in den Chats fortschreibt, bieten Elternchats auch ganz neue Möglichkeiten, sich ohne Rücksicht auf Verluste für das eigene Kind einzusetzen: Flugs wird das Fehlverhalten anderer Kinder mit Namen und Tatbestand in die Runde geworfen. Was ist mit den Rechten und dem Seelenheil der Kinder von anderen Eltern? Nein, Ihr öffnet damit niemandem die Augen, sondern Ihr prangert Kinder an. Wärt Ihr auch für eine öffentliche Liste mit den Delinquenten der Woche in der Schule zu haben?

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Der Klassenchat ist kein angemessener Ort, um Vorfälle zwischen einzelnen Kindern zu diskutieren. Bitte nehmt die Mühe auf Euch, die jeweiligen Eltern direkt zu kontaktieren und stellt keine Kinder bloß. Das sollte Euch die Klassengemeinschaft und das Wohlergehen aller Beteiligten wert sein. Denn eine solche Debatte kann schnell auch zum Spaltpilz werden. Also, wenn Ihr Euch ärgert, erstmal durchatmen und nicht direkt schreiben. Bleibt einfach bei den nützlichen Infos, den Genesungswünschen, Danksagungen und was Ihr sonst Konstruktives beitragen könnt und denkt beim Einsatz für Eure Kinder auch an andere – im echten Leben und im Klassenchat. Dann können wir auch mit Recht behaupten, unseren Kindern ein Vorbild zu sein.

Danke!

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geschrieben von: Meike Adam

beschäftigt sich seit rund 15 Jahren beruflich mit dem Themenkomplex Medien, als Wissenschaftlerin, Webschaffende und medienpädagogische Referentin. Durch zahlreiche Elternabende, Fortbildungen für Lehrer_innen und Unterrichtseinheiten mit SuS weiß sie, wo es brennt. Mit 3 Kindern ist sie zudem alltägliche medienpädagogische Praktikerin.

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