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Ich weiß, was Du tust! Zwischen Freiraum und Überwachung

Elternsein bedeutet, in vielen Bereichen Verantwortung für das Wohlergehen seiner Kinder zu übernehmen. Das richtige Maß zwischen Schutz und Freiraum zu finden, ist oft ein schwieriger Balanceakt, der viel Selbstreflexion erfordert. Neue digitale Werkzeuge eröffnen auch ganz neue Möglichkeiten der Kontrolle des Nachwuchses. Wie viel Überwachung darf es denn sein?

eine Überwachungskamera Das wachsame Auge wird zunehmend digital.

Während auf der einen Seite die Sorglosigkeit von Eltern in verantwortungsloses Handeln kippen kann, haben sich überbesorgte Erziehende längst die Bezeichnung „Helikopter-Eltern“ eingehandelt. Wer sich schwer tut, das Kind ins Unkontrollierte gehen zu lassen, der oder die helikoptert, kreist also beständig um sein Kind, um es vor Unheil zu bewahren. Da kommen digitale Erweiterungen der elterlichen Kontrolle sicher gelegen.

Lokalisierung leicht gemacht

Die Kontrolle bzw. Überwachung mit Hilfe des Handys oder anderer smarter Geräte, die das Kind trägt, ist dabei denkbar einfach zu bewerkstelligen. Wie in unserm Ratgeber zur Lokalisierung ausführlich erläutert, haben die Betriebssysteme Android und IOS in Verknüpfung mit dem jeweiligen Account schon eine umfängliche Lokalisierungsfunktion an Bord. Wer die nicht ausschaltet, kann die Bewegungen seines Kindes in Echtzeit nachvollziehen. Zusätzlich bieten Messenger-Dienste wie WhatsApp oder soziale Netzwerke wie Facebook ebenfalls Lokalisierungsfunktionen an. Auch die eigentlich von uns empfohlene App Google Family Link kann zur Bewegungskontrolle eingesetzt werden, allerdings können Sie diese Funktion auch deaktivieren.

Wem das nicht reicht, dem stehen eine Fülle an Apps zur Verfügung, die Sicherheit durch Kontrolle des Kindes versprechen. Die Apps unterscheiden sich im Funktionsumfang, greifen aber fast alle auf die Bestimmung des Standortes über das Handy des Kindes zurück. Neben der Lokalisierung des Kindes, also der Kontrolle von dessen Bewegungsverhalten im echten Leben, gibt es zahlreiche Möglichkeiten, das digitale Leben zu kontrollieren, wie etwa das Mitlesen der Kommunikation in sozialen Netzwerken oder eine Alarmfunktion, wenn das Kind auf Bildern in Netzwerken markiert wird.

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Wie sicher ist sicher?

Die Lage ist zugegebenermaßen komplex: Das digitale Leben von Kindern und Jugendlichen birgt durchaus Gefahren, die durch die Übernahme von Erziehungsverantwortung durch Eltern verringert werden können und müssen. Die Risiken des realen Lebens bereiteten Eltern schon immer Kopfschmerzen und schlaflose Nächte. Ist es da nicht fahrlässig, die neuen digitalen Werkzeuge nicht zu benutzen? Angefangen bei Sensormatten, die den Schlaf von Babys überwachen und so vor plötzlichem Kindstod schützen sollen, bis zum Geozaun für ältere Kinder, bei dem die Eltern alarmiert werden, wenn ihr Kind ein vorher bestimmtes Territorium verlässt.

Das Versprechen dabei lautet: mehr Schutz für die Kinder und weniger Ängste für die Eltern. Allerdings kann es sich dabei auch um eine trügerische Sicherheit handeln. Es lassen sich technisch eben nicht alle Risiken aus dem Leben eliminieren. Was, wenn der Handy-Akku leer ist oder die Smartwatch zu Hause auf dem Tisch liegt?

Ein Recht auf Privatsphäre

Viel schwerer wiegt aber, dass mit zunehmendem Alter des Kindes dem Sicherheits-Interesse der Eltern ein Recht auf Privatsphäre des Kindes oder des Jugendlichen entgegensteht. Ein Recht, das in Artikel 16 der UN-Kinderrechtskonvention explizit festgeschrieben ist. Privatsphäre ist ein Schutzraum, der u.a. darauf beruht, nicht beobachtet zu werden. Dieser Privatraum umfasst auch das Handy, das gespickt mit Fotos, Chat-Verläufen, Notizen längst nicht mehr einfach ein Kommunikationsmittel, sondern vielmehr ein privater Speicher- und Interaktionsort ist.

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Sicher ist es ein schwieriger Prozess, als Eltern zu akzeptieren, nicht mehr alles über das eigene Kinder zu wissen. Die Alternative ist aber eine fortgesetzte Abhängigkeit und Unselbstständigkeit. Die Entwicklung zu einem immer selbstständigeren Jugendlichen braucht Vertrauen und Freiräume, die wichtige Erfahrungen erst möglich machen. Sie werden mit zunehmendem Alter immer häufiger gesucht und genutzt.

Es gehört auch zu einer verantwortlichen Erziehung, seinem Kind durch die schrittweise Übernahme von Eigenverantwortung ein selbstständiges Leben zu ermöglichen. Der Weg dahin ist mit Sicherheit sehr individuell. Eine lückenlose Überwachung ist dabei aber sicher nicht zielführend. Die Balance ist gefragt.

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geschrieben von: Meike Adam

beschäftigt sich seit rund 15 Jahren beruflich mit dem Themenkomplex Medien, als Wissenschaftlerin, Webschaffende und medienpädagogische Referentin. Durch zahlreiche Elternabende, Fortbildungen für Lehrer_innen und Unterrichtseinheiten mit SuS weiß sie, wo es brennt. Mit 3 Kindern ist sie zudem alltägliche medienpädagogische Praktikerin.

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