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Apples AirTag: Suchhilfe für Schusselige oder Stalking leicht gemacht?

Der AirTag von Apple ist seit einem knappen Jahr im Markt. Der runde Knopf ist für das „Wo-ist?“-Netzwerk konzipiert und soll laut Hersteller dabei helfen, das eigene Besitztum wie Rucksäcke oder Portemonnaies orten und damit im Zweifel auch wiederfinden zu können. Die Kreativität der Nutzer_innen hat aber längst unzählige andere Einsatzwecke ersonnen.

Mit dem AirTag suchen Sie nicht mehr alleine - Foto: Francis Seura von Pexels

Hilfreich sind die kleinen Geräte wohl unter anderem für Autodiebinnen, die mit einem unscheinbar platzierten AirTag Autos orten und in einem günstigen Moment direkt mitgehen lassen können. Aber auch eifersüchtige Partner_innen oder übereifrige Eltern sehen darin eine kostengünstige Möglichkeit, den Standort der zu überwachenden Person verlässlich angezeigt zu bekommen. Günstig ist der AirTag mit 35,- € Anschaffungskosten und einer simplen Knopfzelle als Energielieferant appleuntypisch tatsächlich. In Sachen Zuverlässigkeit gibt es allerdings durchaus Einschränkungen – und im Hinblick auf die Persönlichkeitsrechte sowieso. Sind die Dinger also „günstig und geil“ (MacWelt) oder einfach nur Stalking für Anfängerinnen?

Alle suchen mit

Um die Diskussionen verstehen zu können, lohnt es sich, einen Blick auf die Funktionsweise der AirTags zu werfen. Apple geht hier einen durchaus verblüffenden Weg: Die AirTags arbeiten mit Bluetooth (und nicht mit GPS). Spätestens seit der Corona Warn-App ist klar, dass diese Technologie sich für viele Zwecke nutzen lässt, allerdings ist die Datenübertragung damit auf eine kurze Distanz beschränkt – unter günstigen Umständen im Freien auf maximal 100 m. Damit wäre zwar allen verschusselten Menschen geholfen, die ihre Schlüssel zu Hause orten wollen, wohl kaum aber jemandem, der_die den Rucksack im Bus liegen gelassen hat.

Genau hier nutzt Apple seine Marktmacht: Ohne dass die Besitzer_innen es bemerken, suchen alle iPhones, ipads und Macs mit. Befindet sich ein Gerät von Apple in Bluetooth-Reichweite des AirTags, kann der aktuelle Standort genau bestimmt werden. Je höher also die Dichte von vor allem iPhones ist, die ihre Besitzer_innen in der Regel täglich begleiten, umso wahrscheinlicher ist die Ortung. Das Prinzip ist verblüffend einfach und dürfte vor allem in größeren Städten zuverlässig funktionieren.

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Zusätzlich kann ein Air Tag auch in den Verloren-Modus gesetzt werden. Dann suchen auch Geräte mit Android-Betriebssystem fleißig mit. In dem Fall können Informationen wie z. B. eine Telefonnummer und eine Nachricht hinterlegt werden. Wer einen Air Tag findet, muss dann nur das (NFC-fähige) Handy an die weiße Seite des AirTag halten, bis eine Benachrichtigung erscheint.

Sicher gefunden werden?

Laut Apple ist der Aufenthaltsort bei AirTags und der „Wo ist?“- App durch sich oft ändernde eindeutige Bluetooth-IDs geschützt. Wird ein Gerät mithilfe des Netzwerks von „Wo ist?“ geortet wird, sind sämtliche Daten Ende-zu-Ende zu Ende verschlüsselt. Das schützt aber niemanden davor, mit einem Air Tag geortet zu werden, der nicht mit der eigenen Apple ID verknüpft ist. Um Stalking einen Riegel vorzuschieben, erscheint auf Apple-Geräten eine Nachricht, wenn sich ein fremder AirTag über einen bestimmten Zeitraum mitbewegt. Dieser „bestimmte Zeitraum“ schwankte in Tests zwischen einigen Stunden und mehreren Tagen, wobei Apple hier tendenziell den Zeitrahmen verkürzt.

Das kleine Gerät mit dem doch sehr eingeschränkten Funktionsumfang hat die Fantasie der Nutzerinnen durchaus beflügelt. Deutliches Zeichen dafür ist der wachsende Markt an Zubehör, ob Hundehalsband mit AirTag-Tasche oder Halterung für das Fahrrad. Verlockend ist vor allem die lange Batterielaufzeit von einem Jahr und die Tatsache, dass keine Folgekosten entstehen, wie das bei vielen Tracking-Angeboten der Fall ist. Sicher gefunden wird das gestohlene Fahrrad oder der entlaufene Hund nicht – vor allem nicht auf dem platten Land und dann nicht, wenn der_die Dieb_in ein iPhone besitzt und gewarnt wird. Mit etwas Glück und hoher Dichte von Handys in der Nähe besteht aber durchaus eine realistische Chance.

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Überwachung – keine gute Idee

Die Überlegung, das eigene Kind mit einem AirTag auszustatten, ist da durchaus naheliegend. So ein Ding passt locker in eine Tasche. Eine gute Idee ist das trotzdem nicht. Zum einen ist fraglich, inwieweit Eltern vor allem bei der heimlichen Überwachung die Persönlichkeitsrechte des Kindes verletzen. Zum anderen schürt eine permanente Kontrolle Ängste beim Kind, das daraus den Schluss ziehen kann, dass die Welt grundsätzlich ein gefährlicher Ort ist. Insbesondere bei älteren Kindern und Jugendlichen, die sich in Abnabelungsprozessen befinden, löst die Ortung das Gefühl aus, kein Vertrauen entgegengebracht zu bekommen. Sie sollten dabei niemals Ihr Kind unterschätzen, das über kurz oder lang mit Sicherheit einen versteckten AirTag finden wird.

Überwachen Sie lieber Ihren Hund oder Ihr Fahrrad – da müssen Sie im Zweifel nur auf die Unwissenheit bei Diebstahl oder die technische Kompetenz im Fundfall hoffen.

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geschrieben von: Meike Adam

beschäftigt sich seit rund 15 Jahren beruflich mit dem Themenkomplex Medien, als Wissenschaftlerin, Webschaffende und medienpädagogische Referentin. Durch zahlreiche Elternabende, Fortbildungen für Lehrer_innen und Unterrichtseinheiten mit SuS weiß sie, wo es brennt. Mit 3 Kindern ist sie zudem alltägliche medienpädagogische Praktikerin.

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