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Im Überfluss der Daten

Alle, die zurückgezogen auf dem Land leben, mitten im Funkloch, sich selbst versorgen und Kontakte scheuen, taugen nicht viel für Datensammler und -jäger, obwohl auch sie theoretisch von Drohnen erfasst werden und Satelliten zumindest etwas über die Waldgesundheit oder Bodenbeschaffenheit des einsamen Fleckchens Erde aussagen können. Alle anderen liefern nahezu ununterbrochen Daten. Wo werden sie abgegriffen – und was kann man dagegen tun?

Rückzug ist auch keine Lösung.

Laut Statista betrug das weltweit generierte Datenvolumen 2018 33 Zettabyte, für das Jahr 2025 sind 175 Zettabyte prognostiziert. Ein Zettabyte ist eine Mengeneinheit für Daten oder Speicher, nämlich 1 000 000 000 000 000 000 000 = 1021 Bytes. Und nun das Ganze mal 175, eine unvorstellbare Zahl.

Woher stammen diese Daten? Wir alle wissen mittlerweile, dass wir über Smartphone und Co. vielerlei Daten in die Welt schicken können. Alle Aktivitäten sorgen für einen digitalen Fußabdruck:

WhatsApp etwa kann man als wahre Datenkrake bezeichnen. WhatsApp futtert alles, was man WhatsApp gibt, also Profilbild, Chats, Videos, Fotos. Aber wer möchte heutzutage gerne auf WhatsApp verzichten?

WhatsApp gehört Facebook, ebenso wie Instagram, und damit einem der großen Akteure rund um Big Data, in dieser Liga spielen auch Amazon, Google und Apple mit. Auch die Sprachassistenten Siri (Apple) oder Alexa (Amazon), Cortana (Windows) und Co., die etwa Heizkörper, Beleuchtung, Lautsprecher regulieren oder mit Erinnerungsfunktionen oder To-do-Listen sogar zum persönlichen Assistenten aufsteigen. Auch im Haushalt lauert der Datenklau: Immer mehr Haushaltsgeräte wie etwa Kühlschränke sind mit dem Internet verbunden. Zudem sammeln Bank-, Gesundheits- oder Payback-Karten Daten und dokumentieren sie.

Noch scheint das alles harmlos, aber weiß man so genau, wie das in ein paar Jahren oder Jahrzehnten ist? In China werden beispielsweise gerade alle privaten und staatlichen Datenbanken so miteinander verbunden, dass jegliches Verhalten erfasst, belohnt oder sanktioniert werden kann. Daraus lässt sich tatsächlich eine “IT-Diktatur” errichten, wie der Deutschlandfunk das Vorhaben nennt.

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Auch seltene Fische gehen ins Netz

Übrigens kommt es fürs Datensammeln nicht darauf an, besonders intensiv zu surfen. So meldet Klicksafe zum Safer Internet Day 2015: Der Besuch einer Webseite löst im Durchschnitt 56 Tracking-Vorgänge aus, die zu 40 % von großen Werbenetzwerken ausgehen. (s. Klicksafe Pressemeldung im Link, Quelle: Heuer/Tranberg 2013, S. 101) Unter Tracking versteht man in diesen Fällen, dass unser Surf-, Nutzungs- und Konsumverhalten beobachtet wird, und zwar über Cookies und die zugewiesene ID-Nummer. Übrigens konnten sehr viele Nutzer_innen bereits nach dem Besuch von nur vier Webseiten automatisch mithilfe einer speziellen Software identifiziert werden, so das Ergebnis einer französischen Studie, die das Surfverhalten von fast 370.000 Internetnutzern ausgewertet hat. (s. Klicksafe Pressemeldung im Link, Quelle: Oleijnik/Castelluccia/Janc 2012)

Zu guter Letzt fallen auch beim Auto- und Fahrradfahren oder beim Wandern über GPS Daten an, über Videokameras in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf öffentlichen Plätzen.

Kann man sich dagegen schützen?

Aus Daten lässt sich Geld machen. Wer Informationen sammelt und sie analysiert, kann sie gewinnbringend nutzen. Es können neue Dienstleistungen entstehen und/oder neue Umsatzmöglichkeiten, Probleme können ausgemacht und behoben werden. Es kann Sicherheit suggeriert und Konsumverhalten gesteuert werden, es können Stimmungen aufgefangen und Strategien – auch politische – entwickelt werden. Und wir sind alle mehr oder weniger freiwillig dabei: Es besteht eine erstaunliche Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach Datensicherheit und der Preisgabe eigener Daten, ebenso wie es oft eine Diskrepanz zwischen dem Bedürfnis nach Rückzug und dem eigenen Surfverhalten gibt.

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Doch es sind eben nicht nur die eigenen, vielleicht selbst als unbedeutend eingestuften Daten, die für die Big Data Akteure Erfolg versprechen. Es ist eine kollektive Datenoffenbarung, der wir alle unterliegen und das macht etwas mit uns und unserer Gesellschaft.

Sicher kann man versuchen, sich so gut wie möglich zu schützen: stets verschiedene Browser benutzen, Verläufe und Chroniken nach jedem Internetbesuch löschen, einen anderen Messaging-Dienst als WhatsApp zu nutzen, bei dem Sie aber wahrscheinlich keinen oder wenige Ihrer Kontakte finden, oder allem Digitalen entsagen. Ist aber unpraktisch und wird auf Dauer nicht gelingen. Denn wir leben nun einmal in dieser digitalen Welt, die auch viele, viele Vorteile hat. Das Rad lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Verschließen wir uns also nicht, sondern denken wir mit, gestalten wir mit. Wie möchten wir leben? Was sind unsere Bedürfnisse? Was bedeutet uns Freiheit? Wie wichtig ist uns (Daten-)Sicherheit? Welche Grenzen ziehen wir? All das sind Fragen, die (auch) für eine digitale Gesellschaft von Bedeutung sind. Die Antworten müssen wir als Mediennutzende suchen.

#gesellschaft #bigdata #datenschutz

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geschrieben von: Eva Schwarz

Als Volljuristin und Mitinhaberin einer Text- und Internetagentur ist der Weg zum Medienrecht recht kurz. Die gewaltfreie Kommunikation schätzt die zertifizierte Konfliktcoachin als neuen Weg für mehr Empathie und friedliches Miteinander auch in der digitalen Welt.

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