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Hilfe, mein Handy klingelt

Nachrichten sind für viele Handy-Nutzer*innen das neue Telefonieren. Auch wenn es im Chat schwierig wird, gefühlt stundenlang die Nachrichten hin und her schwirren, bis endlich eine simple Verabredung steht, kommt anrufen nicht in Frage. Woran liegt das? Zu intim?

Handy am Ohr? Aber nur für Sprachnachrichten!

Ein klingelndes Handy kann regelrecht Schrecken verbreiten. Wer ruft denn da jetzt einfach an? Kann der/die nicht eine Nachricht schicken? Richtig schlimm wird es, wenn die Nummer unbekannt ist oder unterdrückt wird. Unvorstellbar die Zeiten, als ein Wählscheibentelefon gar nicht in der Lage war, darüber Auskunft zu geben, wer anruft. Da klingelte ganz einfach das Telefon und man ging das Abenteuer ein, den Hörer abzuheben.

Respektvoller Abstand?

Und heute? Unsere Kommunikationsmöglichkeiten und -kanäle haben sich vervielfacht. Wir müssen keine Rücksicht mehr nehmen auf Zeiten, zu denen es sich schickt anzurufen. Versenden wir eine SMS oder eine Nachricht über einen Messenger, kann unser Gegenüber frei entscheiden, wann er oder sie unsere Mitteilung liest. Das wirkt diskret und rücksichtsvoll und respektiert auf den ersten Blick die Privatsphäre der anderen. Wären da nicht die Empfangs- und Lesebestätigung, die eine Reaktion fast erforderlich machen: Warum kommt denn keine Antwort – er/sie hat meine Nachricht doch gelesen?

Die geschriebene Nachricht – auch wenn sie mit Emojis gespickt ist – hat aber doch einen unpersönlichen Touch. Soll es privater zugehen, greifen wir auf die Sprachnachricht zurück. Der Vorteil: Falls wir uns verplappern, fangen wir einfach von vorne an und wir werden auch nicht direkt mit Reaktionen belästigt, die uns am Ende sogar ablenken. Auch die Sprachnachricht – wenn auch schon etwas persönlicher und dadurch auch im Zweifel etwas aufdringlicher – hat etwas Zurückhaltendes. Nicht umsonst werden Sprachnachrichten vor allem bei Jüngeren immer beliebter. Kein umständliches Tippen mehr, aber trotzdem die Kontrolle über das Gesagte.

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Vordrängeln in der kommunikativen Warteschlange

Der Anruf dagegen ist der ultimative Einfall in die kommunikative Selbstbestimmung. Aufgeschreckt durch unseren sorgfältig gewählten Klingelton müssen wir innerhalb kurzer Zeit entscheiden, ob wir bereit sind, uns ein Telefonat aufzwingen zu lassen. Da drängelt sich jemand nach vorne, möchte sofort die ungeteilte Aufmerksamkeit. Ist das nicht ziemlich unhöflich? So sehen das immer mehr – vor allem junge Menschen – und stellen ihr Handy auf lautlos.

Bleibt da nicht einiges an kommunikativer Kompetenz auf der Strecke, wenn Jugendliche nicht mehr mit tickendem Einheitenzähler stundenlang auch noch die entlegensten Details ihres Alltags miteinander teilen? Die direkte Kommunikation lässt sich nicht gänzlich aus dem Leben verbannen und etwas Übung schadet hier bestimmt nicht.

Medienmix richtig nutzen

Ja, es ist toll, wenn ich nicht für jede Kleinigkeit angerufen werde. Vor allem schlichte Informationen wie eine Terminabsage müssen wirklich nicht mehr Zeit in Anspruch nehmen. Schwieriger wird es schon bei ähnlich einfachen Aufgabestellungen wie einer Verabredung. Das kann dann schon mal schnell sehr viel Nachrichtenverkehr hervorrufen – nach dem Motto: „Warum 5 min telefonieren, wenn man es auch per WhatsApp in 8 Stunden klären kann?“ Totaler Misserfolg kann dann bei persönlichen Anliegen das Ergebnis sein. Ein Emoji ersetzt Mimik, Gestik und Prosodie nur sehr rudimentär und muss im Zweifel auch erst einmal verstanden werden.

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Wir verfügen heute über einen beachtlichen Cocktail an Kommunikationsmitteln, aber nicht alles lässt sich über jeden Kanal kommunizieren. Das richtige Mittel für den jeweiligen Anwendungsbereich zu wählen, ist der Ausgangspunkt für eine gelingende Kommunikation. Es ist ebenso wenig zielführend, jede Kleinigkeit per Telefon klären, wie emotional Aufgeladenes durch ein paar Emojis ausdrücken zu wollen. Alle Kommunikationsformen haben ihr Einsatzgebiet, das unterscheiden zu können, ist ein wichtiger Aspekt von Medienkompetenz. Um den Schrecken vor dem klingelnden Handy abzumildern, können Sie sich ja vorher verabreden – und nicht die Nummer unterdrücken!

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geschrieben von: Meike Adam

beschäftigt sich seit rund 15 Jahren beruflich mit dem Themenkomplex Medien, als Wissenschaftlerin, Webschaffende und medienpädagogische Referentin. Durch zahlreiche Elternabende, Fortbildungen für Lehrer_innen und Unterrichtseinheiten mit SuS weiß sie, wo es brennt. Mit 3 Kindern ist sie zudem alltägliche medienpädagogische Praktikerin.

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